Suchtdruck verstehen: Hilfe für Angehörige

Was Angehörige wissen sollten

Ein Denken, in das man sich von außen nicht hineinversetzen kann

Man kann eine Hauskatze sehr gut kennen. Man weiß, wann sie unruhig wird, worauf sie reagiert und was sie wahrscheinlich als Nächstes tun wird. Trotzdem weiß kein Mensch, wie es sich anfühlt, eine Katze zu sein. Man kann ihr Verhalten beobachten und erklären. Ihre Wahrnehmung bleibt einem fremd.

Bei Alkoholabhängigkeit ist es genauso. Ein Nichtalkoholiker kann verstehen, dass ein Mensch starken Suchtdruck hat. Er kann die körperlichen Vorgänge kennen und miterleben, wie sich das Verhalten verändert. Er kann aber nicht nachempfinden, was im Kopf eines Abhängigen passiert, wenn der Alkohol alles andere verdrängt.

Suchtdruck bei Alkoholabhängigkeit: Angehörige suchen Kontakt, während sich das Denken auf Alkohol verengt.
Alkoholabhängigkeit für Angehörige erklärt: verändertes Denken, Suchtdruck und Rückfall vor dem ersten Glas.

Der Angehörige sieht denselben Menschen wie immer. Er hört dieselbe Stimme und erinnert sich an frühere Gespräche, Versprechen und gemeinsame Erlebnisse. Deshalb erwartet er, dass dieser Mensch weiterhin nach denselben Maßstäben entscheidet.

Der Betroffene kennt diese Maßstäbe ebenfalls. Er weiß, dass er lügt. Er weiß, dass Geld fehlt und dass seine Familie Angst hat. Er kann sich an frühere Abstürze erinnern und oft sehr genau sagen, was Alkohol bereits angerichtet hat. Dieses Wissen hält ihn trotzdem nicht zuverlässig vom Trinken ab.

Angehörige versuchen es mit Vernunft, Erinnerungen, Bitten oder Druck. Sie hoffen, dass ein bestimmter Satz den Betroffenen erreicht. In starkem Suchtdruck richtet sich sein Denken jedoch fast vollständig auf Alkohol. Alles andere wird danach beurteilt, ob es dabei hilft oder stört.

Darum hat der Angehörige in diesem Zustand kaum eine Chance. Solange der Betroffene selbst noch ansprechbar ist, kann ein Gespräch etwas bewirken. Hat sich sein Denken bereits auf Alkohol verengt, kommt der Angehörige mit normalen Argumenten kaum noch durch. Vor ihm steht derselbe Mensch, aber dieser Mensch verfolgt gerade nur ein Ziel.

Wie Alkohol das Gehirn verändert

Das Gehirn lernt durch Wiederholung. Was oft geschieht, wird schneller abgerufen und läuft mit der Zeit fast automatisch. Wer immer wieder trinkt, um nach der Arbeit Ruhe zu bekommen, verbindet Feierabend mit Alkohol. Wer nach einem Streit trinkt, verbindet Anspannung mit Alkohol. Wer bei Angst, Einsamkeit oder Schlafproblemen trinkt, lernt immer wieder dieselbe Antwort.

Diese Verbindungen werden mit der Zeit sehr fest. Eine Uhrzeit, ein Geruch, ein bestimmter Weg oder das Geräusch einer geöffneten Flasche können den alten Ablauf anstoßen. Der Betroffene muss noch gar nicht bewusst beschlossen haben zu trinken. Trotzdem beginnt der Kopf bereits, sich damit zu beschäftigen.

Die Aufmerksamkeit verändert sich. Der Betroffene schaut auf die Uhr, denkt an Geld, überlegt, ob noch Alkohol im Haus ist, und sucht nach einer Gelegenheit, allein zu sein. Ein Gespräch kann weiterlaufen, aber innerlich ist er schon woanders. Er hört nur noch so viel zu, wie nötig ist, um keinen Verdacht zu wecken oder eine Diskussion zu beenden.

Auch die Abläufe im Gehirn passen sich an den regelmäßigen Alkoholkonsum an. Alkohol dämpft das Nervensystem. Angst und Anspannung werden für eine Weile schwächer. Das Gehirn gleicht diese Dämpfung aus. Fehlt der Alkohol später, kann der Körper mit Zittern, Schwitzen, Unruhe, Angst und Schlaflosigkeit reagieren.

Dann wird auch getrunken, damit dieser schlechte Zustand aufhört. Der Körper verlangt nach Alkohol und der Kopf kennt eine schnelle Möglichkeit, die Beschwerden zu beenden.

Dopamin lenkt Aufmerksamkeit und macht bestimmte Dinge wichtig. Bei einer Abhängigkeit bekommen Alkohol und alles, was damit zusammenhängt, viel zu viel Bedeutung. Das Gehirn meldet: Darauf kommt es jetzt an. Familie, Arbeit, Gesundheit und die Folgen des Trinkens rücken dabei in den Hintergrund.

Bei starkem Suchtdruck beschäftigt sich der Betroffene kaum noch mit der Frage, ob er trinken sollte. Er denkt darüber nach, wie er trinken kann.

Wenn es nur noch um Alkohol geht

Starker Suchtdruck kann mit einem alten, einfachen Hunger verglichen werden. Ein Urmensch, der dringend Nahrung braucht, sucht Nahrung. Ein Hund, der eine Wurst direkt vor sich sieht, denkt in diesem Moment nicht über Regeln oder spätere Folgen nach. Er will die Wurst.

Beim Menschen kommt der Verstand dazu. Der Betroffene kann planen, reden und andere Menschen einschätzen. Er weiß, bei wem er Geld bekommt, wer Mitleid hat und wer sich mit einer passenden Geschichte beruhigen lässt. Diese Fähigkeiten benutzt er jetzt für den Alkohol.

Er lügt dabei häufig nicht unbeholfen oder zögerlich. Er hält sich in diesem Zustand für den klügsten Menschen der Welt. Er glaubt, dass niemand merkt, was er vorhat. Er ist überzeugt, jede Frage beantworten und jede Lücke erklären zu können. Selbst offensichtliche Widersprüche kommen ihm überzeugend vor.

Für Angehörige sind die Geschichten oft leicht zu durchschauen. Der Betroffene merkt das nicht oder hält die anderen für zu dumm, um ihn zu verstehen. Mit zunehmendem Suchtdruck und steigendem Alkoholpegel kann diese Selbstüberschätzung noch größer werden.

Dann bekommt ein Einkauf einen erfundenen Grund. Fehlendes Geld wird anders erklärt. Der Partner wird beschuldigt, weil er Fragen stellt. Ein Streit wird so lange gedreht, bis der Betroffene selbst als Opfer dasteht. Die Geschichte soll den Weg zum Alkohol freimachen.

Publikum ist wichtig. Der Betroffene sucht jemanden, der zuhört, Mitleid hat oder seine Sicht bestätigt. Je öfter er seine Geschichte erzählt, desto glaubwürdiger wird sie auch für ihn selbst. Irgendwann fühlt sich das Trinken nicht mehr wie seine eigene Entscheidung an. In seiner Darstellung haben die anderen ihn dazu gebracht.

Das Bild eines Vampirs aus einem Horrorfilm beschreibt diesen Zustand recht gut. Äußerlich steht dort noch derselbe Mensch. Er erkennt die Menschen vor sich und weiß, wer sie sind. Sobald der Hunger nach Blut übernimmt, zählt vor allem noch, wie er an dieses Blut kommt.

Beim Alkoholabhängigen ist es Alkohol. Der Partner, die Kinder und Freunde sind weiterhin bekannt. Im Suchtdruck werden sie jedoch vor allem danach beurteilt, ob sie helfen oder stören. Wer Geld gibt, ist nützlich. Wer die Geschichte glaubt, lässt den Weg frei. Wer Fragen stellt oder Alkohol verhindert, wird zum Gegner.

Der Betroffene kann sehen, dass sein Kind Angst hat. Er kann hören, dass sein Partner weint. Er kann wissen, dass er gerade Vertrauen zerstört. Das ändert sein Ziel in diesem Zustand oft nicht. Er will Alkohol und richtet sein Verhalten darauf aus.

Der Angehörige hat deshalb kaum Einfluss. Er kann erklären, bitten, drohen oder an frühere Folgen erinnern. Der Betroffene kennt diese Folgen. Er denkt trotzdem weiter darüber nach, wie er an Alkohol kommt und wie er die Diskussion beendet. Die Krankheit hat sein Denken bereits auf dieses Ziel verengt.

Unter Alkohol wird die eigene Einschätzung noch unzuverlässiger. Gefühle wirken groß und besonders wichtig. Ein Lied kann plötzlich das ganze eigene Leben erklären, obwohl der Betroffene kaum noch einem Film folgen oder einen längeren Text verstehen kann. Trotzdem hält er sich oft für klarer und klüger als alle anderen.

Der Rückfall beginnt vor dem ersten Glas

Ein Rückfall beginnt häufig lange vor dem Trinken. Der Gedanke an Alkohol taucht öfter auf. Der Betroffene beginnt, Gründe zu sammeln. Ein Streit, ein schlechter Tag oder eine Kränkung werden immer wieder durchdacht, bis sie als Rechtfertigung taugen.

Gleichzeitig werden Möglichkeiten geschaffen. Geld wird zurückgelegt, ein Weg wird geplant oder eine Gelegenheit zum Alleinsein gesucht. Fragen werden frühzeitig abgewehrt. Vielleicht wird absichtlich Streit begonnen, damit der Betroffene aus dem Haus gehen oder später behaupten kann, wegen der anderen getrunken zu haben.

Der Rückfall ist zu diesem Zeitpunkt bereits vorbereitet. Der erste Schluck ist nur noch der sichtbare Teil davon.

Kurz vor dem Trinken kann der Suchtdruck so stark werden, dass der Betroffene die Kontrolle als verloren erlebt. Der Vergleich mit dem Moment unmittelbar vor dem männlichen Orgasmus beschreibt diese Stärke sehr gut.

Ein Mann kann wenige Sekunden vor dem Samenerguss wollen, dass er noch nicht kommt. Er kann versuchen, ihn zurückzuhalten. Der körperliche Vorgang ist aber schon so weit, dass der Wille ihn nicht mehr stoppen kann. Der Point of no return ist erreicht.

So kann sich auch der letzte Moment vor dem Trinken anfühlen. Der Betroffene weiß, dass er nicht trinken sollte. Vielleicht will ein Teil von ihm noch umdrehen. Trotzdem hat er das Gefühl, dass es jetzt passiert und nicht mehr aufzuhalten ist.

Der Weg zu diesem Punkt beginnt vorher. Der Betroffene hat an Alkohol gedacht, Möglichkeiten geschaffen, gelogen, sich selbst bemitleidet und Verantwortung auf andere geschoben. Jede dieser Entscheidungen hat den nächsten Schritt leichter gemacht.

Angehörige sehen denselben Menschen und erwarten, dass Familie, Versprechen und die Erinnerung an frühere Folgen noch etwas bewirken. Der Betroffene kennt all das. Im starken Suchtdruck geht es für ihn trotzdem fast nur noch um Alkohol. Sobald dieser Zustand erreicht ist, hat der Angehörige kaum noch eine Möglichkeit, ihn mit Worten zurückzuholen.

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